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Notizen 2021

 

18.07.2021

Mein Körper ist einem Zahlendreher aufgesessen. 1,86m hoch ist er gewachsen, dabei sollten es bloß 1,68m sein. Ich bin kein Zwerg, obwohl ich gerne einer wäre, aber normalgroß, eher angenehm klein für einen Mann. Äußerlich sieht man das nicht. Doch muss ich Kleidergrößen wählen, die mir missfallen. Mein Körper hört nicht zu und weigert sich, die wahre Größe anzunehmen, bleibt hochgeschossen, aufgebläht vom dummen Fehler, stößt sich die Stirn an tiefen Balken an. Körper sind blöd. Aber die Menschen sind klug, sie merken, dass ein 1,68er vor ihnen steht, kein 1,86er - und dennoch ignorieren sie es, ignorieren sie mich. Weil es unnormal ist, falschgroß zu sein. Sie sehen eine Handbreit über meine Augen, wenn sie mir in die Augen schauen. Ich ertrage das nicht. Und dann reden sie mich an. "Herr", sagen sie, wohl wissend, dass ich kein Herr bin und nie sein will und kann. Reden mich größer, sehen mich höher, sehn mich nicht an, ständiger Spott, Hohn Tag für Tag, weil ich in einem verirrten Körper drin bin. Zum Glück ist die Jugend anders, hochgewachsener als meine Generation, sodass ich kleiner unter ihnen scheine; unverkrampfter nennen sie mich "Alter Mann"*, was ja stimmt und den Namen weglässt, für den ich auch nichts kann. Ach, blieben sie nur so, Fridays forever.
*Apropos Alter. Ich will in meiner letzten Lebensphase Ruhe haben und Besinnung treiben und fühle mich bedroht von Manipulationen der Altersbilder, dem lauten Ruf nach souverän das iPhone wedelnden Fitnesscenter-KundInnen ü70, die vom ewigen Arbeitsleben träumen. Aber dahinter steckt nicht die Jugend, das wird von SchildbürgerInnen meines Alters finanziert, kohortenintern.