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Seuchenblatt 2

 

02.04.2020

Neu in der Wörtersammlung: antiviral, anzeigen, Hilfsaktion, Immunität, Krankentransport, Normalität.
Wieder seltener, nicht mehr in der Akut-Liste: Chance, erreichen.

Morgen früh Arzttermin, nach drei Wochen - und ich freue mich weniger über den Termin, als ich mich sorge, die Praxis unnötig zu belasten.

unerträglich ist totale Menschenliebe
wenn sie über sieben Wochen dauert
zählt man bald die teuren Lebensjahre
regelt Betten besser gleich der Markt

 

01.04.2020

Auf den Monitoren: Hetze gegen Atemmasken.

ausschöpfen
Gabenzaun
Hygieneanweisung
Intensivregister
Maskenpflicht
prognostizieren
Schweigeminute
Tracking
untragbar
verfrüht
zerstreuen #

Auf den Wiesenwegen mehr Menschen als an Sommerwochenenden. Spaziergänger, Radfahrer, keine Hunde. Wer nicht ins Gras auswich, kam ins Gedränge. Als wäre Abstandhalten schon vorbei. Und auch am Telefon hebt sich die Stimmung, die düstere Bedrohung löst sich auf. Bloß in den Firmen Reizbarkeit und Pessimismus, doch weniger als noch am Montag. Man könne, sagte einer, den ich nach Arbeit fragte, nicht tagelang bedrückt sein.

 

31.03.2020

Viele Menschen schreiben auf, wie es ihnen geht, ergeht, stellen es ins Web, irgendwas, Erlebnisse, Beobachtungen, Privates und Allgemeines. Sehr viele Menschen. Auch ich. (Kein Fieber mehr.) Zu viele, meinen manche. Viel zu viele. Überfluss! Es erlebten alle das gleiche. Das sagt sich leicht und ist auch so. Und doch: Gerade die kleinen, privaten, die persönlichen Berichte, das Jammern, die Klagen, die Alltagtipps spiegeln das Erhabene, das Große, das über uns alle kommt, in Millionen Facetten, so dass es überhaupt sichtbar wird. Die offiziellen Verlautbarungen zeichnen einen Umriss, Farbe kommt erst durch das Individuelle hinein. Und oft wird über den Bildrand gemalt. Damit wir es später verstehen. Eckdaten sind keine echten Ecksteine der Geschichte. Wer weiß, wann welcher König regierte, aber nicht, wie die Menschen zu dessen Zeit lebten, begreift auch, was fehlt, wenn wir schweigen. Das heißt ja nicht, dass ich jetzt alles lesen müsste. (Ich habe Algorithmen.) Oder du.

vorm weissen sterben
alle zuhause
alles bleibt leise
bluehende viren
antitoxine
in allen draehten
vereint im welttakt
unerhoert husten
zweifel und seuche
das haus umschleichend
am himmel wenig
eyjafjallajoekull
2.0

Folgende Wörter finde ich nun nicht mehr häufiger als im Durchschnitt des letzten Jahres: Angst, Besucher, dauern, entscheiden, gefährlich, Hand, klettern, langsam, Opfer, steigen, treffen, Verfügung. (Vorerst nicht mehr in der Onlineliste.)

Witzwarnung des Bundesgesundheitsmysteriums.

Maskenpflicht in Österreich, zumindest in Supermärkten. Verteilung durch wen? In Deutschland, außer in Jena, laut RKI für die Bevölkerung nicht nötig. (Weiterhin: Selbst nähen.)

 

30.03.2020

Abendsonne. Stille. Vögel. Keine Menschen. Nicht wie sonst. Das ferne Rauschen der Bundesstraße fehlt. Als schliefe das Meer. Nur die rote Sonne und ich. Die anderen Fenster.

+ ..."für Helden"

Anteilnahme
begrenzen
Bußgeldkatalog
coronabedingt
Krisenmanager/in
lebenswichtig
Nothilfe
Welle* #
(*wegducken, auftauchen, wegducken, auftauchen, weg...?)

Bewährte Standards und die gewohnte Lebensweise häufen sich, sie gelte es zu retten, zu bewahren, zu erhalten, wiederherzustellen.
Haben wir nicht eben noch darüber gesprochen, sie zu ändern?
Nach Fridays for Future kurz Sonntag für alle (ohne Kuchen), dann schnell wieder We Like Mondays?

Mit Kurzarbeit Betriebe sanieren: Anmelden, einstreichen, weiterarbeiten lassen. Die Krise als Chance. Heimlich im Homeoffice. "Das rettet eure Jobs."

 

29.03.2020

Eine Packung Toilettenpapier↑ (10 Stk. dreilagig) für zwei Schachteln Zigaretten↓ (2x20 Stk.)

Abwägung
beschleunigen
klettern*
momentan
Passierschein
Seuchenexperten**
Nachbarschaftshilfe
versagen #
(* Zahlen;  ** Seuche (Seuchenblatt) 'geht gar nicht' - anfangs, längst ist das Wort da.)

In Chicago ist ein Baby gestorben.

Reklamezusteller haben ihren Job noch und werfen ein: Prospekte geschlossener Läden.

 

28.03.2020

Hunde, heißt es, können sich anstecken, werden aber nicht krank, übertragen wohl nicht. (Wenige Tests.)
Unser Hund ist gesund. (Wer sorgt für ihn, wenn wir ausfallen?)

"Emerging from isolation and discovering the multitude."

SARS-CoV-2 in Schweden? Freiwillig. Schulen, Spielplätze, Restaurants sind geöffnet. Man sieht (und hustet) sich ohnehin nicht an und zahlt nicht bar. Der schwedische Weg. "Bra detta för svensk ekonomi. Vi kommer dominera när detta är över." Unser Sohn wohnt dort.

"Geld in die Hand genommen." "Paket geschnürt."

Unbürokratisch soll es nun werden. Wir erleben das nicht. Persönliche Begegnungen entfallen oft - das macht manches komplizierter. Wir bleiben zuhause wenn möglich, verschicken Ausweisfotos per Mail - ansonsten arbeitet die Verwaltung wie zuvor, nur eben im Notbetrieb, eingeschränkt. Alle geben ihr Bestes, jetzt nicht zu pfuschen. Ausdrucken. Post. Ausweis vorlegen. Post. Fünfzig Seiten Kontoauszüge fotokopieren. Wo? Hoffentlich fegt das Virus das ganze Papier hinweg. Zeit wärs. Aber wer hilft Menschen ohne Internet? Ohne Drucker? In Quarantäne? Die Freunde hier sind auch krank.

Mike Davis: Vogelgrippe - Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien

Aufstehen, umfallen. Die kurze Treppe hinauf - hinsetzen. Oder umfallen. Die 'Kurzatmigkeit' nimmt zu.

 

27.03.2020

"Der Pausenzeitraum kann unter 'Erweiterte Optionen' geändert werden."

Applaus
#
Exit. Covixit. Stottern. Shutdown.

Hier wird Schau heimwärts Engel* gelesen (gef. 95%), dort V wie Vendetta* gesehen (5%).

Ansprüche an Klopapierwitze steigen.

Wir würden schon gerne wissen, ob wir nun mit dem "neuartigen Corona-Virus" infiziert sind und Glück haben: ein milder Verlauf. Oder ob etwas anderes die Symptome verursacht und COVID-19 noch hinzukommen kann. Seit zwei Wochen. Aber wir wissen es nicht.

 

26.03.2020

"Why is Covid-19 death rate so low in Germany?" Datenbasis.
("armchair epidemiologist")

Unser Einkommen ist weg und wir mussten uns arbeitssuchend melden und suchen nun, d.h. wir sprechen mit Anrufbeantwortern. Hat jemand bezahlte Arbeit? (Text, Wörter, irgendwas.)

Wieder Fieber, aber nicht hoch.

behandlungsbedürftig
Coronaambulanz
Einhaltung
Entlastung
Lebensmittelversorgung
Nächstenliebe
provisorisch
Sperrzone
strafrechtlich
überlebenswichtig #

Amnesty International: COVID-19

Angenommen "Zum Höhepunkt der ersten Erkrankungswelle nach ca. 300 Tagen sind ca. 6 Millionen Menschen in Deutschland an Modi-SARS erkrankt."

"Diakonie hilft Prostituierten" So viele gute Nachrichten, auch.

 

25.03.2020

Datenanzüge, Videodating, vernetzt musizieren... Startups.

CE, ein alter Freund, von dem ich lange nichts hörte, ist nach Umwegen in Peking gelandet, schickt aus der Quarantäne ein Foto mit Maske und freut sich, dem "Hochrisikogebiet Bayern" entronnen zu sein.

Atemwegsinfekt
Epidemiefall
Hilfsbereitschaft
kollabieren
Menschenleben
Trendumkehr
Zuwiderhandlung #

"Social Practices COVID-19 Teaching Resource"

Mir unbekannte Menschen lesen mit. Einer schrieb, ich sei ihm ans Herz gewachsen. Ich bin es aber nicht, es ist nur Text. Doch freue ich mich. Einer wünschte Links zu Tipps und aktuellen Infos. Die sind überall. Die Frage, wo es Desinfektionsmittel gäbe. Ich habe keins und weiß es nicht. Dank eines lieben Freundes Päckchen haben wir Seife. Ich wasche die Hände, nicht den Mund. Es sind teils Fiebersätze hier, Unsinn sicher auch, Formulierungen, die mir peinlich sein werden und viele lose Wörter, die man derzeit überall liest. Ich sammle sie nur. (Nach Datum, Zusammenhang, Nähe zu anderen Wörtern etc., später, wenn vorhanden, daraus schöne Listen zu machen, Schaubilder vielleicht.) Ich rate nicht zur Lektüre. Ich notiere für Freunde, die wissen wollen, was sich bei uns tut. (Franziska bloggt derzeit nicht.) Die Wörtersammlung erscheint, dass sie sehen, wie ich das Steckenpferd nicht lasse. (Und um es vorzuführen bei der Gelegenheit, weil sie ja sonst nie schauen.) Alle dürfen mitlesen, gerne, nur wenig erwarten. Nach Corona-Gedichten sehe ich selten - es werden zu viele, Promi-Verse, Kitsch, poetisierte Prosa. Schlimmer: Trostlosigkeiten: Dass es anderen schlechter ginge, Gott seinen Plan habe und Sonnenuntergänge schön wie gestern sind. (Mich tröstet das Erhabene: Dass es alle trifft, kein individuelles Leid mehr ist, so groß. Auch Tatendrang.) Dann Aufrufe zur Solidarität. Arme Gedichte und oft ergreifende Appelle, Flaschenpost von verlorenen Inseln. Gute verschwinden in der Masse und ich bin zu klein, nun Trüffelschwein zu werden. Es tut mir gut, zu lesen, dass wer mitliest, ich fürchte mich aber. Nicht allein, mich zu blamieren (vor Jahren mit Fieber fürs Radio interviewt, schäme mich heute noch dafür), auch Schaden zu stiften. Darum für die, die ich nicht kenne: Willkommen - doch besser: Fürs Gemüt und den Verstand die eigenen bewährten Quellen nutzen.

 

28.01. - 24.03.2020 →seuchenblatt1.html