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Notizen

Von Flüchen

Flüche nennen zumindest drei Namen: Ihren (Flüche heißen), den des Verfluchenden, der Verfluchenden und den des Verfluchten, der Verfluchten. Hat die Verfluchte, der Verfluchte einen heimlichen Namen, den sie, den er sich selber gab, ist dieser vorzuziehen, wenn man ihn kennt. Es können noch Zeugen und Zeuginnen gerufen werden. (Doch Flüche sind keine Schwüre, man beruft sich nicht.)

Wirksame Flüche gelten einem einzigen Menschen. (Keinem Haus, keinem Hund und nicht zwei Menschen.) Der Kern des Fluches ist seine Begründung, eine besagte Schuld und die Folge, der Fluch, untrennbar verbunden. Ein Fluch wird vielleicht vom Verfluchten, von der Verfluchten überwunden, vom Verflucher, der Verflucherin aufgehoben aber nie. (Er ist kein Kredit.) Ein Fluch tritt auch absichtslos auf und tut dann leid.

Flüche werden in einer Sprache gesprochen, die der Verfluchte, die die Verfluchte versteht. Flüche sollten eingängig, rhythmisch, Ohrwürmer sein (nicht notwendig kurz). Sie vermeiden Adjektive, setzen auf Verben und kennen keinen Konjunktiv. Flüche verhängen ein Unheil, sie drohen keins an. (Leicht ist ein Unheil, das fast allen droht.) Flüche sind stets bedingungslos.

Viele meinten, nur Männer könnten Männer und Frauen nur Frauen wirksam verfluchen, ich sehe das nicht. Verfluchen ist Glückssache, oft klappt es nicht. Leider wirken viele Flüche später. Bisweilen Jahrzehnte. Es ist zwecklos, alte Menschen zu verfluchen. (Darum plaudern Greisinnen und Greise Fluchgeheimnisse aus.) Kinder sollen sehr empfänglich sein.

Wie das Gift wirkt der Fluch nicht, wenn er nicht eingenommen wird. Die Dosis jedoch spielt keine Rolle. Ihn einmal zu hören reicht aus. Lesen reicht aus. Erreicht man den Verfluchten, die Verfluchte aber nicht, muss man den Fluch mit möglichst vielen teilen. Allein mit dem Fluch, verflucht die Fluchende, der Fluchende nur sich. Man spürt es körperlich und spricht und schreibt und druckt, verteilt...

Für den Segen gilt ähnliches. Das gern gehörte 'Gott, Göttin segne dieses Haus', heißt nur, er oder sie soll es tun, ebenso 'gesegnet sei'. 'Verflucht seiest du' ist also kein Fluch, sondern der Wunsch, es möge eine oder einer verfluchen. Wer wird das sein, wenn nicht du?

 


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