Theodor Däubler

Sang an Palermo

Der Mond läßt sich von Wolken aus Porzellan umdrängen.
Sie fliegen leicht und haben eine Schaumglasur.
Verbauschte Engel, auf gebäumte Leibermengen
Umgrotten hoch den Mond wie eine Silberuhr.

Der Mond verkündet unerforschte Weltenstunden.
Die Helden baun ihr Schiff; die Meere sind erstaunt.
Delphine wollen Vorbedeutungen bekunden,
Und auch die Wogen sind zu Rausch gelaunt.

Die Winde liegen schwer in auf gereckten Völkersegeln.
Wie starr und unerwartet kam der bleiche Traum.
Die Schiffe wittern nach den Dampf- und Flammenkegeln:
Das war einmal! Und was geschah, erwacht als Schaum.

Ein großer Fels erscheint, halb Sarg, halb Vorbestimmung.
Die weißen Wellenkämme klammern sich heran.
Die Segelschiffe wagen die Geschickserklimmung,
Sie stehen in des mondbewohnten Berges Bann.

                *

Die Sarazenenstadt ist angststarr auferstanden!
In Ziegelfliese eingesilbert fliegt der Mond.
Sie hält den leisen Spielball leicht in Zauberbanden:
Er kann nicht unter gehn, da er in Sagen thront.

Die Wasserbecken sind dem Silbersinn verfallen
Und spülen ihren Gischt zur Mondkugel empor.
Verwünschte Seiltänzer erglimmen zwischen Hallen,
Mit einem taubenetzten Perlenschimmertor.

Die Haremsdamen blicken traurig zu den Vasen
Voll Mädchenschlankheit in verträumtem Schleierweiß.
Kamelien fangen an im Garten zu verglasen:
Ein altes Eis ist da, das von den Dingen weiß.

Der Berg scheint in der Mondstadt schwebend auf gegangen,
Er blinkt so klar, daß er in jedem Traum erscheint.
Er sollte sarghaft über diesen Gauen hangen:
Sein Dasein war von Anfang an schon vorgemeint.

                *

Die Sarazenen blicken mit gekrümmten Säbeln
Den Seglern kühn entgegen, die wie Sicheln sind.
Die Feinde sichten sich zugleich zwischen den Nebeln:
Die einen stärkt der Mond, die andern liebt der Wind.

Auf einem Vorgebirge hat die Schlacht begonnen.
Der Sultan führt seine Saharaschar zum Sieg.
Die Schiffe sind in Silberschlingen eingesponnen:
Der Mond greift an: die Wucht zur See verliert den Krieg.

Die mondgewohnten Mohren haben stolz gewonnen!
Nun krümmt sich weiß um ihre Nachtgestalt ein Leib.
Die Sieger überkommen weiche Weiberwonnen,
Die Lust wird groß: ihr Silbern schmiegt sich aus dem Weib.

Ein hoher Berg ward in der Vollmondnacht geboren.
Er starrt als Sarg und überdacht den Leiberkauf.
Der Mohrenkönig hat die Vollmondschlacht verloren,
Denn das gekrümmte Weib stand plötzlich strahlend auf.

                *

Normannen sind zu Wall und Hafen vorgedrungen.
Der Einbruch in die Macht des Mondes war vollbracht.
Ein neues Leuchten ist am Meere aufgesprungen:
Der Stern der Freiheit hat aus uns gelacht.

Normannenhelme übertrumpfen grell die Mauern.
Die Mohren flohen: ihre Burgen sind verwaist.
Zypressen fangen an in Schlössern zu erschauern;
Die Brunnensprache schweigt: der Mond ist rasch vergreist.

Ein schwarzer Halbmond sind die Barken der Normannen.
Sie machen auf die letzten Sarazenen Jagd.
Sie können auf der Flotte ihre Bogen spannen:
Bei Vollmond haben sie den Mohrenkampf gewagt.

Der Sarg ist da: die Schlacht liegt unter ihm begraben.
Der Berg wird zur erhabnen Ewigkeit der Stadt.
Der Geist beschenkte uns mit ungeglaubten Gaben.
Die See gebar das Volk, das sie erwogen hat.

                *

Mein Pilgerberg, ich will zu deinem Frieden steigen.
In guter Schluchtenruhe werde ich gesund,
Die starken Träume sollen sich bewußt verzweigen,
Ihr Frühlingsgrünen sprüht aus meinem kühlen Mund.
Die Frucht, die Blüte dürfen sich zusammenneigen,
Denn Saat und Ernte gebe meine Dichtung kund.
Mein Pilgerberg, du ähnelst einem Sarkophage,
Doch deine Form verklärt der Frohsinn alter Tage.

Der Berg betaut sich, meine Schritte sacht zu spüren.
In seine Klüfte flüchtet manches müde Pferd.
Mich soll der Spürsinn zu dem rechten Tiere führen,
Dann werde ich vom Pferd im Heilsuchen belehrt.
Mein Finger mag an klepperstatt ein Roß berühren,
Dann reit ich es und beide bleiben unversehrt.
Gesundes Tier, uns geben Mond und Wolken Kunden,
Wir bleiben für den Ritt durch unsern Traum verbunden.

Palermo, deine Straßen wollen wir durchreiten,
Mein Liebeswunsch wird wunderbar zu einer Tat.
Wie sich Genesungskreise wirksam weit verbreiten:
Den Erkern der Normannenburg bin ich genaht.
Ich soll zu frohem Tuen schwankes Träumen leiten:
Das Roß blieb stehn. Es hat den Wagemut bejaht!
Nun klimmen grelle Rosen zu den hohen Fenstern,
Ich greife zu und ginge es mit Schreckgespenstern!

Die Rosenhecke überringeln schwere Flechten.
"Ich grüße dich, geliebteste Normannenmaid!"
Entträumungslust, Gestalt, du kommst zu frohen Rechten,
Ich bin zum Klimmen durch den Rosenbusch bereit.
Wie schlecht, wenn Wünsche keine Wollustwunder brächten,
Die Freude überfliegt verfehlter Welten Leid.
Mein Roß, so wieher, stampfe, drohen mir Gefahren;
Umlaubt uns Träume, daß die Leute nichts gewahren.

Ich taste mich hinan am Flattern deiner Haare.
Sie halten meine Hand, sie gleichen Gold und Blut
Von strahlenden Orangen. Wo ich dich gewahre,
Umrankt uns auch Granatapfelgeäst. Die Glut
Auf deinen Wangen flackert fahl. Ich offenbare
Den Blumen deiner Huld der Leidenschaften Glut.
Wir sind noch tiefer als in einem Traum versunken,
Kein Schlummer hätte uns geweckt, zu Lust gewunken.

Wir sind vermählt! Und auch erquält, bis zur Besinnung
Vergangnen Rausches, war das ganze Wissen: Wir.
Ich spür es wohl: hier gibt es nie Entrinnung,
Denn die Verstrickung ist Geschick! Vergib sie mir.
Ich wähle dich: du warst die innigste Gewinnung
Von unsrer Furcht: und was da kommt, entkörpre dir!
Wie wunderbar die Flucht durch Traumesparadiese,
Durch Furcht hindurch: wie ruhig wurde unsre Wiese.

Die Wünsche, unsre Wollust, wurden wirklich Wunder!
Ich weiß die Wahrheit, wie ein Baum sich selbst belaubt.
Du warst noch nie so urvergnügt und nie gesunder:
Wir klauben Furcht auf Furcht, die sich aus uns erlaubt.
Ein Flutenschutz der Einsamkeit wird dunkler, runder,
Du wirst von keinem Laut der Traulichkeit beraubt.
Ich bin noch nie so tief in deinem Glück gewesen:
Du gibst das Wir: ein unerklärlich leises Wesen.

Auf einmal ängstigt sich das Laub m meinen Zweigen!
Verfahlt blickt uns Zitronengold und müde an.
Wie sich Zypressenwipfel unterm Winde neigen,
Wie pocht dein Herz, da unsre Freude kaum begann.
Mein Pferd ist da. Es kann sich durch die Äste zeigen.
Ich muß hinweg: was hält mich schon in anderm Bann?
Der Herbst ergelbt, das wird ein Welken und Vergessen.
Wer hat sich zu Geschlechtsgespenstigkeit vermessen!

Ich muß auf einem Klepper wie der Spanier schwanken.
Die schlichten Esel gehen ihres Wegs vorbei
Und Bettler schleichen sich heran wie Angstgedanken:
Ich will nicht glauben, daß ich wahr und wirklich sei!
Wo sind die Reichtümer, die blaß vor mir versanken?
Jetzt bin ich wach! Erwacht bis knapp unter den Schrei!
Verbleibe, Qual, kann ich den Weckungsschreck vermeiden!
Mein Schlaf und Pferd, bewährt euch brav, ich traue beiden.

Der Sarg erscheint. Dort steht er bei erstaunten Palmen.
Palermos Berg! Nun lenk ich langsam meinen Traum.
Palermos Palmen gleichen altbekannten Psalmen,
Ich aber scheue jeden fruchtbehangnen Baum.
Zum kahlen Fels! Mein Pferd, zu den betauten Halmen!
Im Wind zu sanftem Gras! Und unten Blau und Schaum!
Wir werden zaghaft den Genesungsberg betreten.
Mein Pferd, dein leises Gehn begleitet still mein Beten.

                *

Am Vorgebirge soll der Wind die Schläfen kühlen!
Ich denke über Mond und Wolken einsam nach
Und fange an der Freien Schreckensart zu fühlen.

Ich weiß, daß hier der Schöpfer mit den Sternen brach!
Nun sind die Völker eignem Walten überlassen.
Kein Schicksal mehr! Die Menschen bergen Sieg und Schmach.

An diesen Kanten kann ich die Zermalmung fassen.
In die das freie Rom Karthagos Knechte warf;
Doch alle Sterne fingen an die Urbs zu hassen!

Dort silbern Berge, die ich nicht betreten darf,
Denn fern erteilen noch Gestirne eine Sendung;
Die Vorgebirge aber sonderten sich scharf.

Hier feiern wir den Wind. Er gibt uns rasch die Wendung.
Wir übertrumpften ihn und wurden Feuerwind!
Das kahle Land erwartet der Begabten Spendung.

Der tiefe Ernst! Du bist nicht mehr ein wildes Kind!
Vom Schöpfer sind wir los und sollen Geist gebären.
Uns helfe kein Gebet, seitdem wir Freie sind!

Entschluß und Vorsicht müssen sich gerecht bewähren:
Es ging ein Stern in unsre Seele herrlich ein.
Zu neuem Leuchten sollen wir die Welt bekehren!

Die Lüfte um Sizilien sind verzückt und rein.
Auf seinen Vorgebirgen hörst du auf zu knieen:
Wir segnen durch den eingebornen Sternenschein.

Den Meeren sei aus deiner Priesterhand verziehen.
Die Sünde schüttle ich aus dem versäumten Baum.
Der Sonne haben wir die Deutlichkeit verliehen!

Die jungen Wälder trage ich aus unserm Traum.
Aus voller Güte sollen neue Ströme fließen
Und Silberfische setzt das Wissen in den Schaum.

Wir können unsre Innigkeit in Tiere gießen:
Die Taube flog aus eines Mannes Schöpferhand.
Und Wanderpflanzen wollten unsern Pfad umsprießen.

Vertreib das Tier, doch wo du mußt, da schaffe Land.
Wir dürfen blaue Auen furchtbar überwüsten.
Wir knoten bald das Todes- und Geburtenband.

Verkündet, daß die Wesen ihre Brunst verbüßten.
Vereinsamt euch und überlebt die eigne Zeit.
Bedenkt, wie lieblich wir den Zwang durch Sang versüßten.

Ich bin zu einem frischen Freiheitssatz bereit!
Das eitle Tier in dir wird sich hin übersetzen.
Wohin ? Auf Schollen, die schon Priester vorgeweiht.

Wir sollen dann die Beute schreckenbleich zerfetzen:
Der Feind ist unsre eigene Frage als Gestalt.
Und er wird uns, wir ihn zum selben Ende hetzen.

Doch aus der Volksbesonnenheit kommt die Gewalt.
Auf Vorgebirgen treffen sich verwandte Ahnen
Und bleiben stumm, wenn Flut an Flut zerprallt.

Die schroffen Zacken sollen dich zu Taten mahnen,
Der Sturm beackert euch die Meere wie ein Feld:
Versteckte Wanderwunder unter den Orkanen.

Beherrsche fromm die See, im Flug befrei die Welt!
Das Pflügen sei dir Pflicht, das Fliegen Selbstbestimmung:
Aufs Menschenblut sind alle Hoffnungen gestellt.

Was in den Wind gerät, meint irgendwie Erklimmung.
Erblicke in den Wellen ein geweihtes Spiel.
Du bist der Sturm, so hisse Segel der Ergrimmung!

Die Flotte rüste, doch es bleibt in dir das Ziel!
Du schürst die Kriege, die wir fürchterlich verlieren.
Drum wappne ich mein Wesen mit Gewehr und Kiel.

Du wirst das Ich mit Indiens Heimlichkeiten zieren.
Das große Wissen überglückt den Sternenraum.
Mein Menschenwittern förderst du bei deinen Tieren:

Nur in dir selbst bekenne deinen letzten Saum.

                *

Ich möchte gierig nach den roten Sternen greifen.
Ich bin das Vorgebirge auf dem großen Meer.
Ich soll im Winde Weltenungeheuer streifen:
Gestirne, stürzt nicht! Seid ihr zu bedeutungsschwer ?

Was bin ich, wenn mich kein bekanntes Tier begleitet ?
Ein eitler Reiter ohne sein verwegnes Pferd.
Wie meine Sehnsucht ihre Wittrungsreisen weitet
Und jeder Sangansatz doch ewig wiederkehrt!

Mein Tier, du hast mich armen Bleichen ganz verlassen,
Von keinen Abenteuern kehr ich kühner heim.
Was soll mir so ein kaltes Sternungen erfassen.
Es kam zu andern Weitungen in uns der Keim.

Ich wünsche mich zurück zu Glück und Glücksversuchung
Und überstufe alle Leistung zum Erfolg.
Ich suche nach verschwundner Stunden Lustverbuchung
Und ich bewurzle mich bewußt in unserm Volk.

                *

Die Stadt mit ihrem Berg hat eine Vorbedeutung:
Der Wandel und dazu ein alterhabner Sarg.
Auch meine Schlangenhälfte braucht vom Bauch an Häutung:
Nun kennst du deinen Lurch, den ich vor mir verbarg.

Ich starre kalt hervor zu den bewegten Sternen
Und kenne keine Änderung im echten Ernst.
Es können Erzsterne von meinen Reden lernen,
Verkannte Welt, ich merke, wie du dich entfernst.

Vergnügter Leib, entschlüpfe mir mit hundert Zungen.
Wir sind von uns getrennt, damit du mir gehörst.
Du Schlangenlust, dir ist ein guter Schwung gelungen,
Ich staune, wie du dich mit grausem Rausch betörst.

Aus unsrer Tierverlängerung ist Gott gekommen.
In deinem Zwiespalt machte er die Lider auf.
Die Menschen sind als Schlangen an das Land geschwommen.
Gedärm und Hirn sind ein verschlungner Schlangenknauf.

                *

Die Schlangen sind in meinem die Empfindung;
Im ganzen bin ich Löwin, satzbereites Tier.
Die Schlangen sind in meiner Seele Überwindung
Der kalten Ansprache des andern Ichs in mir.

Ich bin die Sphinx, ein Vorgebirge in der Wüste.
Mein Katzenkörper wälzt vielleicht den Schwanz im Meer.
Der Geist vollendete die strenggeprüfte Büste,
Doch meine Halbheit wirft sich schreckhaft hm und her.

Wie furchtbar mich der Wünsche Sprunggelüste reizen,
Der Sterne Anblick aber stämmt mich streng zurück.
Ich fühle pyramidisch, wenn sich Würden spreizen.
Ich kenne die Gestirnverinnigung durchs Glück.

Im Geiste sind die Schlangen meine Wißbegierde.
Ich fühle mich in Sünden dunkler Stuben ein.
Ich forsche nach den Eitelkeiten jeder Zierde:
Ich kann auf einmal im Bewußtsein Andrer sein.

                *

Ich kann die Stadt mit ihrem Berg in mir bezähmen.
Wir sind gereift und schleppen unsern Süden mit.
Du wirst dich keusch der strahlenden Gesundung schämen.
Doch halten Leiber mutig mit der Einsicht Schritt.

Bekannte Stadt, ich halte deinen Berg in Ehren.
Verkannter Berg, die Stadt verschafft dir deinen Rang.
Ihr müßt euch gegenseitig Ruhm und Pracht bescheren,
Und eure Einheit dauert eine Menschheit lang.

Verschwiegen fahren Schiffe ein in Bucht und Hafen.
Und doch geschieht sofort bei ihrer Ankunft Lärm.
Der Sarg, vor dem sich hohe Kundenträger trafen.
Beschließt die Einfalt durch das witzige Geschwärm.

Stets unentwegt bekennt sich unsre Welt zur Dauer.
Ein alter Hafen schließt am Abend seinen Damm;
Wer einfuhr, den umrundet eine dunkle Mauer,
Und Wolken horchen, Fragen wagt ein Wogenkamm.