Stefan George

Tagelied

Da nacht den neuen morgen noch umschattet
und dein gemach
(Ein sichres dach)
Noch lange freuden uns gestattet:
Was soll dein leises weinen
Und dein weher blick?
- Des glückes stunden meinen
Für mich ein missgeschick.

Es tröste dich mein schwur
Dass du auch fürder keusch mir bist
Und ich zu deinen füssen
Ergeben dich als engel nur
Beschauen will und grüssen -
Dein ganzer leib mir lieb und heilig ist -
An jedem glied
Mein haupt mit inbrunst hängt
Und mit gesenktem lid
So wie man Gott empfängt.

Und trenn ich mich für heut - für ferne fahrt:
Ich trage dich auf der brust verwahrt
Das seidentuch worauf dein name steht
Der mich wie ein gebet
Eh spiel und schlacht beginnen
Bestärkt und sieg mir bringt.
- O möchten dann nur meine tränen rinnen
Wann und des wächters horn zu scheiden zwingt.