Rudolf Borchardt

Sonett

Winter kam heute in mein Haus und sang:
"O kalter Herd und Kammern ohne Licht!
Gramvolle Lippe! Schweigendes Gesicht!
Friedloses Herz, ist dir vor Frieden bang?"

So freundlich sprach er, und ich wehrte nicht,
dass er mit seinem Mantel mich umschlang,
an stummen Gärten gingen wir entlang,
Schnee schlief auf ihnen und die Nacht war dicht -

ward Licht den Augen, die dein Auge traf
verschwiegenen Leiden ahnungsvoll vertraulich!
Ward Augen hold, die du so milde maßest.

Ward gut, wo du dem Lied der Glut beschaulich
lauschend, in dich hinein geneigt dasaßest,
Hausgeist, am Herde, zwischen Tag und Schlaf.