Robert Eduard Prutz

Nachts

Nun ist der Tag gesunken,
vom Berge steigt die Nacht,
und hell mit tausend Funken
die Sternlein sind erwacht.

Nun über Tal und Hügel,
herab vom Sternenzelt,
nun schwebt mit leisem Flügel
die Freiheit durch die Welt.

Sie tritt an alle Hütten,
sie pocht an jedes Tor,
sie flüstert leise Bitten
dem Schlummernden ins Ohr.

Sie weiht mit heißem Kusse
den Jüngling und den Mann
und haucht mit leisem Gruße
auch den Gefangnen an.

Sie prüft am Schwert die Schneide,
sie tritt zum Pulverfaß,
sie zählt mit stummem Neide
den Sand im Stundenglas:

Daß alle Seelen träumen,
daß alle Herzen glühn,
von Rossen, die sich bäumen,
von Taten, stolz und kühn,

daß hinter Eisengittern,
selbst der Gefangne lacht?
Daß im Palast, mit Zittern,
ein bleicher Mann erwacht!