Oskar Loerke

Sonnenwendlied der Vögel

Da oben geht ein goldnes Rad,
Das uns geweckt und befohlen hat,
Vor unsre Tür zu treten.
Und magisch singts mit unsrem Mund,
Als forschten wir nach allem Grund,
Urseher und Propheten.

Da oben geht ein goldnes Rad,
Geht um sich selbst, weiß keinen Pfad,
Wir wissens ohne Wissen.
Es steht in seinem Großen Grab
Und bleibt darin und wartet ab
In blauen Finsternissen.

Da oben geht ein goldnes Rad,
Das warf uns hin auf seinen Pfad,
Geht um in unsren Seelen:
Wir sind in unsrem Nest und Grab,
Und mit uns ist und wartet ab,
Das Lied in unsren Kehlen.

Da oben geht eine goldnes Rad,
Am Abend prunkts im Sterbestaat,
Der ist wie rote Seide.
Und so wird unsrer Neste Stroh,
Und unsre Schnäbel werden so,
So rot wie von Leide.

Da oben geht ein goldnes Rad,
Das hat in jeder Furt sein Bad
Und trinkt aus allen Krippen.
Das Rad, das liegt auf unsrem Mund,
Wir singen uns an ihm noch wund
Wie unsre Mütter und Sippen.

Da oben geht ein goldnes Rad,
Das Erden zu Aposteln hat
Und alles auf den Erden.
Wir tragen all einen Mühlenstein,
Der Ast ist zu dünn, wir sind zu klein,
Wir werden müde werden.