Ludwig Christoph Heinrich Hölty

Lebenspflichten

Rosen auf den Weg gestreut,
    Und des Harms vergeßen!
Eine kleine Spanne Zeit
    Ward uns zugemessen.

Heute hüpft, im Frühlingstanz,
    Noch der frohe Knabe;
Morgen weht der Todtenkranz
    Schon auf seinem Grabe.

Wonne führt die junge Braut
    Heute zum Altare;
Eh die Abendwolke thaut,
    Ruht sie auf der Bahre.

Ungewißer, kurzer Daur
    Ist dieß Erdeleben;
Und zur Freude, nicht zur Traur,
    Uns von Gott gegeben.

Gebet Harm und Grillenfang,
    Gebet ihn den Winden;
Ruht, bey frohem Becherklang,
    Unter grünen Linden.

Laßet keine Nachtigall
    Unbehorcht verstummen,
Keine Bien', im Frühlingsthal,
    Unbelauschet summen.

Fühlt, so lang es Gott erlaubt,
    Kuß und süße Trauben,
Bis der Tod, der alles raubt,
    Kommt, sie euch zu rauben.

Unser schlummerndes Gebein,
    In die Gruft gesäet,
Fühlet nicht den Rosenhayn,
    Der das Grab umwehet.

Fühlet nicht den Wonneklang
    Angestoßner Becher;
Nicht den frohen Rundgesang
    Weingelehrter Zecher.