Karl Wilhelm Ramler

Der Tod Jesu

Eine geistliche Cantate

  Du, dessen Augen flossen,
  Sobald sie Zion sah'n,
  Zur Frevelthat entschlossen,
  Sich seinem Falle nah'n,

  Wo ist das Thal, die Höhle,
  Die Jesu dich verbirgt?
  Verfolger seiner Seele,
  Habt ihr ihn schon erwürgt?

  Sein Odem ist schwach; -
  Seine Tage sind abgekürzet;
  Seine Seele ist voll Jammer;
  Sein Leben ist nahe bei der Hölle.

    Gethsemane!
Wen hören deine Palmen hier
So bange, so verlassen klagen?
Wer ächzet hier die Seel' in tausend Aengsten aus?
Ist das mein Jesus? - Bester aller Menschenkinder,
Du zagst? du zitterst, gleich dem Sünder,
Dem die Gerechtigkeit das Todesurtheil fällt? -
Ach seht! er sinket hin, der fromme Held,
Als trüg' er allen Zorn des Himmels, alle Plagen
Von einer ganzen Welt.
Sein Herz, in Arbeit, fliegt aus seiner Höhle.
Sein Schweiß rollt purpurroth
Die Schläf' herab. Er ruft: Betrübt ist meine Seele
Bis in den Tod!
Laß, Vater diese Stunde
Laß sie vorübergeh'n!
Nimm weg, nimm weg den bittern Kelch von meinem Munde! -
Du nimmst ihn nicht? - Wohlan! dein Wille soll gescheh'n.

    Du Held, auf den die Köcher
Einst Höll' und Tod geleert,
Du hörest den, der schwächer,
Am Grabe Trost begehrt;
Du willst, du kannst sein Schutzgott seyn.

    Wann ich am Rande dieses Lebens
Abgründe sehe, wo vergebens
Mein Geist zurücke strebt;
Wann ich den Richter kommen höre
Mit Wag' und Donner, und die Sphäre
Von seinem Fußtritt bebt;
Wer will, wer kann mein Schutzgott seyn?

    Du Held, auf den die Köcher
Einst Höll' und Tod geleert,
Du hörest den, der schwächer,
Am Grabe Trost begehrt;
Du willst, du kannst sein Schutzgott seyn.

    Wen hab' ich in der letzten Pein?
Wer wird mir Rath und Trost verleih'n?
Mit neuer Hoffnung mich beleben?
Wer blickt voll Huld mich Schwachen an,
Wann mir kein Mensch mehr helfen kann,
Und ich der Welt muß Abschied geben?
Wer schafft der trüben Seele Licht,
Thust du es, o mein Heiland, nicht?

Der Held erhebt sich von der Erde,
Gestärkt von Gott durch eines Engels Hand,
Und sucht die Jünger auf, die seine Seele liebet.
Die Jünger hat ein Schlummer übermannt;
Hier liegen sie gestützt, mit trauriger Geberde,
Betrachtend steht der Menschenfreund und spricht
Mit über sie gehängtem holdem Angesicht:
"Der Geist ist willig, nur der Leib ist schwach."
Und bückt sich, Petrus Hand sanft anzurühren, nieder:
"Auch du bist nicht mehr wach?
O! wacht und betet, meine Brüder!"

    Ein Gebet um Muth und Freude,
Freud' im Tode, Muth im Leide,
Theilt die Wolken, dringt zum Herrn.
Und der Herr erhört es gern.

    Klimm, ich zu der Tugend Tempel
Matt den steilen Pfad hinauf,
O! so sporn' ich meinen Lauf
Nach der Wanderer Exempel,

    Durch die Hoffnung jener schönen,
Ueber mir erhabnen Scenen,
Und erleichtre meinen Gang
Mit Gebet und mit Gesang.

    Ein Gebet um Muth und Freude,
Freud' im Tode, Muth im Leide,
Theilt die Wolken, dringt zum Herrn;
Und der Herr erhört es gern.

Herr, höre die Stimme unseres Flehens,
Wann wir zu dir schreien,
Wann wir unsere Hände erheben
Zu deinem heiligen Chor.

Es klingen Waffen, Lanzen blinken bei dem Schein
Der Fackeln; Mörder dringen ein,
Ich sehe Mörder! - Ach! es ist um ihn geschehen.
Er aber, unerschrocken nahet sich
Den Feinden selbst; großmüthig spricht er:"Sucht ihr mich,
So lasset meine Freunde gehen."
Die schüchternen Gefährten flieh'n auf dieses Wort.
Ihn bindet man, ihn führt man fort.
Sein Petrus folgt, der einzige von allen;
Er folgt, zur Hülfe schwach, von fern;
Mitleidig folgt er seinem Herrn
Zum schrecklichen Palaste
Des hohen Priesters Kajaphas. -
Was hör' ich hier! Ach! Petrus selber spricht:
Ich kenne diesen Menschen nicht? -
Wie tief bist du von deinem Edelmuth gefallen! -
Doch siehe: Jesus wendet sich,
Und blickt ihn an. Er fühlt den Blick,
Er geht zurück,
Er weinet bitterlich.

    Ihr weich geschaff'nen Seelen,
Ihr könnt nicht lange fehlen;
Bald höret euer Ohr
Das strafende Gewissen,
Bald weint aus euch der Schmerz.

    Ihr thränenlosen Sünder, bebet!
Einst, mitten unter Rosen hebet
Die Reu' den Schlangenkamm empor,
Und fällt mit unheilbaren Bissen
Dem Frevler an das Herz.

    Ihr weich geschaff'nen Seelen,
Ihr könnt nicht lange fehlen;
Bald höret euer Ohr
Das strafende Gewissen,
Bald weint aus euch der Schmerz.

Unsere Seele ist gebeuget zur Erde,
O Wehe, daß wir so gesündiget haben!

Jerusalem, voll Mordlust, ruft mit wildem Ton
Sein Blut komme über uns und unsre Söhn' und Töchter!
Du siegst, Jerusalem! und Jesus blutet schon;
In Purpur ist er schon des Volkes Hohngelächter:
Damit er ohne Trost in seiner Marter sey,
Damit die Schmach sein Herz ihm breche.
Voll Liebe steht er da, von Gram und Unmuth frei,
Und trägt sein Dornendiadem. -
Und eine Vatermörderhand faßt einen Stab,
Und schlägt sein Haupt: ein Strom quillt Stirn und Wang' herab. -
Seht, welch' ein Mensch! - Des Mitleids Stimme
Vom Richtstuhl des Tyrannen spricht:
Seht, welch' ein Mensch! und Juda hört sie nicht;
Und legt dem Blutenden, mit noch nicht sattem Grimme,
Den Balken auf, woran er langsam sterben soll,
Er trägt ihn willig fort, und sinkt ohnmächtig hin.
Nun kann kein edles Herz de Wehuth mehr verschließen;
Unaufgehaltne Thränen stießen.
Er aber sieht sich tröstend um und spricht:
"Ihr Töchter Zions, weinet nicht!"

    So stehet ein Berg Gottes,
Den Fuß in Ungewittern,
Das Haupt in Sonnenstrahlen:
So steht der Held aus Canaan.

    Der Tod mag auf den Blitzen eilen,
Er mag aus hohlen Fluthen heulen,
Er mag der Erde Rand zersplittern:
Der Weise sieht ihn heiter an.

    So stehet ein Berg Gottes,
Den Fuß in Ungewittern,
Das Haupt in Sonnenstrahlen;
So steht der Held aus Canaan.

Zu deiner Ehre will ich alle Plagen,
Schmach und Verfolgung ohne Murren tragen;
Nach deinem Beispiel will ich selbst mit Freuden
Den Tod erleiden.

Da steht der traurige, verhängnißvolle Pfahl.
Unschuldiger! Gerechter! hauche doch einmal
Die matt gequälte Seele von dir! - Wehe! Wehe!
Nicht Banden, Ketten nicht, ich sehe
Gespitzte Keile. - Jesus reicht die Hände dar,
Die theuren Hände, deren Arbeit Wohlthun war.
Auf jeden wiederholten Schlag durchschneidet
Die Spitze Nerv' und Ader und Gebein. Er leidet
Es mit Geduld, bleibt heiter, und hängt da,
Zur Schmach erhöht voll Blut, in Todesschmerzen
Am Golgatha. -
Ihr Männer Israels, o! ruft in eure Herzen
Erbarmung! Laßt die Rach' im Tode ruh'n! -
Umsonst: die Väter höhnen ihn:
Ihr Hohn ist bitter, grausam fröhlich ihre Mienen.
Und Jesus ruft:"Mein Vater, ach! vergieb es ihnen!
Sie thun unwissend, was sie thun."

    Feinde, die ihr mich betrübt,
Wisset, daß mein Herz euch liebt:
Euch verzeih'n ist meine Rache.

    Die ihr mich im Unglück schmäht,
Hört mein ernstliches Gebet:
Daß euch Gott beglückter mache!

    Jesu, wir sind deine Kinder;
Menschenfreund, wir folgen dir!

    Heilig ist Gott Zebaoth!
Und erträgt den Missethäter
Mit erbarmender Geduld.

    Mächtig ist der Welten Gott:
Und erzeigt dem Hochverräther
Stündlich neue Gnad' und Huld.

    Ihr nur eifert über Sünder,
Grausam, Sünder, eifert ihr.

    Feinde, die ihr mich betrübt,
Wisset, daß mein Herz euch liebt;
Euch verzeih'n ist meine Rache.

    Die ihr mich im Unglück schmäht,
Hört mein ernstliches Gebet:
Daß euch Gott beglückter mache!

    Jesu, wir sind deine Kinder;
Menschenfreund, wir folgen dir!

O! welch' ein neuer Greuel kränket
Den Heiligen in Israel? Wo find' ich ihn?
Hier unter Missethätern aufgehenket,
Woran erkenn' ich ihn? - -
An seiner Tugend. -
Schmach, Folter, Todesangst vergißt er, und bedenket,
Maria, dein verlaßnes Alter, und ertheilt
Dem Freunde seines Busens diesen letzten, letzten Willen:
"O Jüngling! das ist deine Mutter." - Dieser eilt
(Ein Schüler Jesu!) sein Vermächtniß zu erfüllen:
Und Jesus sieht es an; -
Und wird noch mehr entzückt, und fühlet keine Wunden,
Weil er jetzt einen Strahl von Trost den trüben Stunden
Noch eines reuerfüllten Sünders schenken kann.
Er kehrt sein Antlitz hin zu dem an seiner Seite
Gekreuzigten Verbrecher, ihm zu prophezeih'n:
"Ich sage dir, du wirst noch heute
Mit mir im Paradiese seyn!"

    Singt dem göttlichen Propheten
Der Unsterblichkeit verkündigt,

    Singt dem himmlischen Gesandten,
Der ein Paradies euch aufschließt.

    Singt dem großen Gottessohne,
Der euch zu den Engeln abruft,

    Erdensöhne, singt ihm Dank!

    Die du von dem Staube fliehest,
Und die rollenden Gestirne
Unter deinen Füßen siehest,
Nun genieße deiner Tugend!

    Steig' auf der Geschöpfe Leiter
Bis zum Seraph!

    Steige weiter,
Seele! Gott sey dein Gesang!

    Seele! Gott sey dein Gesang!

    Singt dem göttlichen Propheten,
Der Unsterblichkeit verkündigt!

    Singt dem himmlischen Gesandten,
Der ein Paradies euch aufschließt!

    Singt dem großen Gottessohne,
Der euch zu den Engeln abruft!

    Erdensöhne, singt ihm Dank!

    Freuet euch alle, ihr Frommen!
Das Wort des Herr ist wahrhaftig;
Was er verheißet, das hält er gewiß.

Auf einmal fällt der aufgehaltene Schmerz,
Des Helden Seele wüthend an: sein Herz
Hebt die gespannte Brust; - in jeder Ader wühlet
Ein Dolch; - sein ganzer Körper fliegt
Am Kreuz empor; er fühlet
Des Todes siebenfache Gräuel; - auf ihm liegt
Die Hölle ganz; er kann ihn nicht mehr fassen,
Den Schmerz, der ihn allmächtig drückt,
Er ruft:"Mein Gott! mein Gott! wie hast du mich verlassen!" - -
Auch diese finstre Stunde rückt
Vorbei. Nun seufzet er:"Mich dürstet." Ihn erfrischet
Sein Volk mit Wein, den es mit Galle mischet. - -
Nun steigt sein Leiden höher nicht;
Nun triumphirt er laut und spricht:
"Es ist vollbracht! empfang', o Vater, meine Seele!
Und neigt sein Haupt auf seine Brust - und stirbt.

    Es neigen Seraphim von allen Sternen nieder,
    Und klagen laut: Er ist nicht mehr!
    Der Erde Tiefen schallen wieder:
    Er ist nicht mehr!

Erzittre, Golgatha! er starb auf deinen Höhen.
O Sonne, fleuch! und leuchte diesem Tage nicht;
Zerreiße, Land, worauf die Mörder stehen!
Ihr Gräber, thut euch auf! Ihr Väter, steigt an's Licht!
Das Erdreich, das euch deckt,
Ist ganz mit Blut befleckt.

Er ist nicht mehr! so sage
Ein Tag dem andern Tage:
Er ist nicht mehr!
Der Ewigkeiten Nachhall klage:
Er ist nicht mehr!

    Ihr Augen, weint!
Der Menschenfreund
Verläßt sein theures Leben.
Künftig wird sein und Mund uns nicht,
Lehren Gottes geben.

Weinet nicht!
Es hat überwunden
Der Löwe vom Stamm Juda.

    Ihr Augen, weint!
Der Menschenfreund
Sinkt unter tausend Plagen.
Konnte seine sanfte Brust
So viel Schmerz ertragen?

Weinet nicht!
Es hat überwunden
Der Löwe vom Stamm Juda.

    Ihr Augen, weint!
Der Menschenfreund,
Der Edle, der Gerechte,
Wird verachtet, wird verschmäht,
Stirbt den Tod der Knechte.

Weinet nicht!
Es hat überwunden
Der Löwe vom Stamm Juda.

Hier liegen wir gerührten Sünder,
O Jesu, tief gebückt,
Mit Thränen diesen Staub zu netzen,
Der deine Lebensbäche trank:
Nimm unsre Opfer an!

Freund Gottes und der Menschenkinder,
Der seinen ewigen Gesetzen
Des Todes Siegel aufgedrückt,
Anbetung sey dein Dank!
Den opfre Jedermann.

Hier liegen wir gerührten Sünder,
O Jesu, tief gebückt,
Mit Thränen diesen Staub zu netzen,
Der deine Lebensbäche trank:
Nimm unsre Opfer an!