Johann Gottfried Seume

Ruhe

Ruhe jeder Leidenschaft
Tränkt das Herz mit Götterkraft;
Ruhe stählet Sehn' und Mark,
Macht zu jeder Bürde stark.

Ruhe führt des Sehers Sinn
Höher durch die Welten hin,
Wo er Orionen mißt
Und der Erde Sand vergißt.

Ruhe senkt des Weisen Blick
Tiefer zu der Brüder Glück;
Ruhe mißt am Lebensstab
Richtig Zweck und Mittel ab.

Ruhe zückt des Kriegers Schwert
Blitzender für Haus und Herd;
Ruhe biethet der Gefahr
Fester Stirn und Busen dar.

Ruhe scheucht wie Sonnenblick
Nebel von dem Pfad zurück;
Ruhe lehrt, was gut und schön,
In dem hellsten Lichte sehn,

Ruhe reihet jedes Ding
In der Kette rechten Ring;
Ruhe bleibet, immer rein,
Jeder Freude Probestein.

Ruhe zieht aus Gottes Luft
Süßer seines Lenzes Duft;
Ruhe schmeckt der Traube Blut
Geistiger zu hohem Muth.

Ruhe trinkt zum zweyten Mahl
Aus der Freude Festpokal;
Ruhe trägt die Freuden heim,
Wie die Biene Honigseim.

Ruhe hat bey schwarzem Brot
Götterkost im Abendroth;
Ruhe schöpft zum Nectartrank
Wasser von der Rasenbank.

Ruhe trotzt dem nahen Sturm
Wie die Wach' im Felsenthurm;
Ruhe sieht ins offne Grab
Ohne Herzensangst hinab.

Ruhe nicht, die ohne Sinn,
Ohne Schaden und Gewinn,
Wie die Schlafsucht um sich gähnt,
Aber kaum die Glieder dehnt;

Ruhe nicht, die matt und stumpf
Bey dem Menschenelend dumpf,
Ohne Herz und Regung sitzt,
Und den Schweiß der Dummheit schwitzt;

Ruhe nicht, die auf die Qual,
Auf die Leiden ohne Zahl
Ihrer Mitgeschöpfe schielt,
Aber nichts mit ihnen fühlt.

Ruhe, welche über Welt
Kopf und Herz in Eintracht hält;
Ruh der Tugend und ihr Lohn,
In der Hütt' und um den Thron.

Ruhe, die mit süßem Hang
Tröstung reicht und Labetrank;
Ruhe, die den letzten Deut
Einem ärmern Bruder beut.

Ruhe, welche Säcke Gold
Wie die Kieselwacken rollt;
Ruhe, die am Hochgericht
Wie bey Bechern Wahrheit spricht.

Ruhe, wie Elysium
In der Seele Heiligthum,
Die mit stiller Majestät
Durch die große Schranke geht.

Diese Ruhe hält noch fest,
Wenn uns Welt und Sinn verläßt,
Drückt uns sanft die Augen zu;
Himmel, gib mir diese Ruh!