Hedwig Lachmann

An meinen Vater

Mein Vater kam von ferneher ins Land.
Aus Gegenden mit reissend schnellen Flüssen,
Die er als Flüchtling hat durchschwimmen müssen,
Damit ihn Willkür nicht in Knechtschaft band.

Und nahm nichts mit auf seine Wanderschaft
Und war ihm nur verliehn statt aller Habe
Und aller Handwerkschaft die edle Gabe
Zu singen, und im Herzen eine Kraft.

Er war ein Gottesmann, der Brücken schlug
Auf Wolkenzügen in den lichten Äther
Und aufwärts trug die Inbrunst vieler Beter,
So hingegeben wie ein Vogelflug.

Aus seiner Heimat, menschenarm und weit,
Klang in ihm nach im Ton der Hirtenflöte
Das stumme Dulden langgewohnter Nöte
Und eines alten Volkes Traurigkeit.

Und eingegraben war in Sinn und Mark
Ihm fromme Weisheit einer alten Lehre;
Die tat er kund und lebte ihr zur Ehre,
Und ward geliebt, und starb so jäh wie stark.