Gertrud Kolmar

Wappen von Cöpenick

Ein halbgetrunkner Becher
Bleibt immer wartend in mir stehn,
Ein buntbemalter Fächer
Scheint händenah mir fortzuwehn,
Ein dumpfer Gegenschimmer
Verrät der Sonne Untergang;
Im Traum klagt ein Gewimmer,
Ich hör es und bin bang.

Die Tiefe und der Himmel
Sind vor mir wunderlich gepaart;
Ins Lichte führt kein Schimmel,
Kein Rapp ins Finstre meine Fahrt.
Der Raupe ekle Weiche
Ist zarter Falter Kind und Ahn,
Das Sternenaug der Schleiche
Kriecht mit ihr Staubesbahn.

Mir sang ein Kranz von Lichtern
Und ward in meinen Tränen stumm,
Mit müden Wachsgesichtern
Stehn bleiche Kerzen ringsherum.
O daß mein Herz verstünde
Auch Flammenlieds verklungnen Schein!
Und wenn ich neu ihn zünde -?
Die Fackel ist nicht mein.

Ein Brunn ist hinter Türen,
Darin ein silbern Fischlein tanzt,
Das spielend du berühren
Und das du nimmer halten kannst.
Gestürzt aus meiner Schüssel
Ist Tropfenfrische, Silberlicht;
Ich sah am grund den Schlüssel
Und faßte ihn nicht.