Gertrud Kolmar

Liebende

Ihre Leiber standen in den Abendschatten licht,
Schmal und hoch, von schimmerloser Bleiche:
Blütenzweig, den Lieb für Liebe bricht,
Wind gewiegt und Tau geküßt am Teiche.

Stern um Stern kroch übers Dach sie anzusehen,
Und die Schar der zarten Wolkenlämmer
Flockte zögernder in lindem Wehn:
Ihre Leiber standen licht im Dämmer.

War das Eine kurzen Weg hinab geeilt,
Riefs das Andere um mit stillem Schaun;
Feiner Falterflügel, zwiegeteilt,
Schleierblaß, verwuchsen sie im Grauen.

Leise, wie ein Stückchen leichter Tag,
Sind sie dann in Nacht und Gras gegangen. -
Und die braunen Hasen im Verschlag
Äugten wundernd durch die Gitterstangen.