Friedrich Schlegel

Unsre Zeit

Siegeslieder hört' ich singen
In den Gauen weit und breit;
Unsers Volkes Ruhm erklingen
In dem Spiel der Eitelkeit.
Haltet ein, betörte Lieder!
Gottes Flammen leuchten wieder
In das dunkle Meer der Zeit.

Sind die Dolche denn Befreier,
Selbst der eignen bangen Brust?
Werdet frei erst, wahrhaft freier,
Innen Gottes euch bewußt!
Werft vor Seiner Kraft euch wieder,
Vor dem ew'gen Rechte nieder;
Dann genießt der Ehre Lust!

Und ihr andern wollt beschwören
Durch ein künstlich Nichts den Sturm?
Wen kann solch Geweb' abwehren,
Selbst zernagt vom Lügenwurm?
Was nicht Gott erbaut, muß fallen;
Also ruft die Stimm' uns allen,
Nieder stürzt der Babelturm.

Fruchtet nichts mehr unser Beten,
Schließest Du der Gnade Born?
Willst die blut'ge Kelter treten,
Herr, in des Gerichtes Zorn?
Kommt der Heil'ge auf den Rossen,
Siegreich in des Worts Geschossen;
Schallt der Welt das Todeshorn?

Werfen wir ans Herz dem Vater
All die Schreckensorge nur;
Daß sein Licht uns dien' als Rater
Und sein Wort zur Lebensspur!
Es vergehn noch Sternentage,
Und Jahrhunderte voll Klage,
Eh' verklärt wird diese Flur.

Wenn dämonische Gewalten
Greifen an der Völker Herz;
"Wie läßt Gott sie also schalten?"
Klagen wir dann himmelwärts.
Soll sich neu die Welt gestalten,
Läßt er frei das Böse walten,
Bis das Licht entsteigt dem Schmerz.

Fluten seh' ich furchtbar rauschen
Über Fluten auf uns her;
Lüg' und Mord den Szepter tauschen,
Ein allblutig wildes Meer.
Niemand mag sich widerstemmen,
Keiner die Zerstörung hemmen;
Gott allein ist hier die Wehr.

Auf dem Meer doch haucht und lebet
Der das Licht dem Tod entreißt;
Und ob der Verwesung schwebet
Gottes ew'ger Lebensgeist.
Also wird ein lichter Morgen
Brechen durch der Menschen Sorgen,
Wie der Strahl der Schrift verheißt.

Als den Mann des Todes weckte
Einst der Heiland aus dem Graus,
Wo den Leichnam Moder deckte,
In des Grabes dunkelm Haus;
Wenn schon selbst im Geist erschüttert
Ob des Jammers Tief' er zittert,
Riß er ihn ans Licht heraus.

Denn es wirkt und schafft allmächtig
Sein befreiend Lebenswort.
Auf zum Himmel strahlt es mächtig,
Dringt bis in des Todes Ort;
Sturm und Meer sind ihm gewärtig,
Noch im Glauben gegenwärtig,
Führt's die Flut gebietend fort.

Halte jeder fest den Anker,
Steige mutig nur ins Schiff;
Sicher fährt es hin ob schwanker
Meeresbahn und Klippenriff.
Durch die Fluten wird sich's schlagen,
Hin zum Felsen rettend tragen,
Wer voll Glauben es ergriff.

Dieses Schiff ist es alleine
Was nie bricht in aller Zeit;
Dieser Felsen ist der eine
Feste Grund der Ewigkeit.
Wenn ihn Morgenrot umleuchtet,
Gottes Tau den Stein befeuchtet,
Blüht er auf in Herrlichkeit.

Hier ist himmlisch Heil zugegen,
Fruchtbar grünt des Lebens Baum;
Liebesarme hält entgegen
Hier das Kreuz dem Weltenraum.
Sicher aus der Felsenwahrung
Quillt die ew'ge Liebesnahrung
Und verklärt den ird'schen Traum.

Wenn die Wurzeln dieser Pflanze
Bis zum Abgrund niederziehn,
Ist die Geisterwelt im Glanze
Voll von ihrer Zweige Blühn.
Hier auch soll sie sich ausbreiten,
Und der Wechsel aller Zeiten
Ist nur ihres Laubes Grün.

Also laßt den Kampf uns tragen,
Unser Felsen wanket nicht;
Noch der Welten Sturz beklagen,
Bis Gott ruft: "Es werde Licht!"
Laßt uns streun des Lichtes Samen,
"Treu und Wahrhaft" ist Sein Namen,
Und gerecht ist das Gericht.

Ward aus Abend dann und Morgen
Einst der neue Schöpfungstag,
Wo, was Herrliches verborgen
War, vor Gott erglänzen mag;
Wird zum Paradies die Wüste,
Kraft des Strahls, den hier begrüßte
Unsrer Liebe Flügelschlag.