Ferdinand Freiligrath

Zeitgeist

Die Uhr der Zeit läßt nicht zurück sich stellen,
Denn vorwärts drängt der Zeiger ohne Rast;
Und all das Bollwerk will und muß zerschellen,
Das hemmend in des Rades Speichen faßt.

Die Zeit, wo man mit Ammenmärchen schreckte,
Die Zeit, wo man in starre Fesseln schlug
Den Geist, der tief im Schlamm des Irrwahns steckte,
- Die ist vorbei - vorbei der Pfaffentrug.

Doch immer noch will man den Zeiger rücken,
Damit's am Morgen schlage Mitternacht;
Noch immer will den Geist man niederdrücken,
Der lichtwärts strebt, nach langer, banger Nacht.

Noch säen tausend finstere Gestalten
Den Drachensamen: Geistesnacht und Krieg;
Drum laßt der Freiheit Banner hoch uns halten,
Laßt fest uns stehen, und unser ist der Sieg.

Die Uhr der Zeit läßt nicht zurück sich stellen,
Denn vorwärts drängt der Zeiger ohne Rast,
Und "vorwärts" ruft's aus Millionen Kehlen,
Auch euch reißt's mit, die ihr den Fortschritt haßt!