Felix Dahn

Hagens Sterbelied

Nun werd ich sehr alleine!
Die Fürsten liegen tot -
Wie glänzt im Mondenscheine
der Estrich blutig rot!

Die fröhlichen Burgunden,
wie sie nun stille sind!
Ich höre, wie aus Wunden
das Blut in Tropfen rinnt.

Es steiget aus dem Hause
ein Dunst von Blute schwer,
Schon kreischen nach dem Schmause
die Geier rings umher.

Es schläft der König Gunter
in fieberwirrem Schlaf,
Seit ihn vom Turm herunter
ein spitzer Bolzen traf.

Und Volker liegt erschlagen;
er lachte, wie er fiel:
"Nimm all mein Erbe, Hagen,
nimm du mein Saitenspiel."

Er trug, vor Heunentücken
geschirmt, die Fiedel traut
Auf seinem sichern Rücken,
den nie ein Feind geschaut.

Sie scholl wie Nachtigallen,
wenn Volker sie gespannt:
Wohl anders wird sie schallen
in meiner harten Hand.

Vier Saiten sind zersprungen -
drei haften noch daran! -
Ich habe nie gesungen,
ich bin kein Fiedelmann.

Doch treibt mich's zu versuchen,
wie Hagens Weise geht;
Ich denk, ein gutes Fluchen.
ist auch kein schlecht Gebet!

So sei'n verflucht die Weiber,
Weib ist, was feig und schlecht:
Hier um zwei weiße Leiber
verdirbt Burgunds Geschlecht!

Und Fluch dem Wahngetriebe
von Sitte, Liebe, Recht:
Erlogen ist die Liebe,
und nur der Hass ist echt.

Die Reue ist der Narren!
Nur das ist Atmens wert,
Im Tod noch auszuharren
beim Groll, beim Stolz, beim Schwert

Und hätt' ich zu beraten
neu meine ganze Bahn,
Ich ließe meiner Taten
nicht eine ungetan.

Und käm, der Welt Entzücken,
ein zweiter Siegfried her,
Ich stieß' ihm in den Rücken
zum zweitenmal den Speer!

Was reißt ihr, feige Saiten?
Versagt ihr solchem Sang? -
Ha, wer mit mächt'gem Schreiten
kommt dort den Hof entlang?

Das ist kein Heunenspäher,
das dröhnt wie Schicksalsgang,
Und näher, immer näher --
ein Schatte riesenlang. -

Auf, Gunter, jetzt erwache,
den Schritt kenn ich von fern:
Auf, auf! der Tod, die Rache
und Dietrich kommt von Bern!