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Verlegerischer Opfersinn

Ich verstehe sie gut. Ich habe mich mein Leben lang gegen Geburtstagsgeschenke gewehrt.

Kann es sein, dass deutsche Buch- und Zeitungsverlage, jeweils auf ihre Art, dabei sind, sich ins Off zu recken? Für schier alle Publikationen das zu erreichen, was Lyrik schon hat: ein gutes Versteck? Raus aus Google Books, die einen, rein in den Leistungsschutz, die anderen. Was verlören sie? Ihre besten Autoren, die spielen nicht bloß, die wollen Geld, die wollen entscheiden, die wollen Leser. Wo sollten die hin? Fallen neue, findigere Verleger vom Himmel? Wenn nicht, ziehen sie selbst ins Internet.

So leisteten Medienzaren, ihre Claque und Sekundanten Bedeutendes: Deutschland würde Land der digitalen Literatur, der offenen Forschung, der freien Künste, der Transparenz und Partizipation. Jede Fortschrittlichkeit ihrer Institutionen wäre den publizierenden Branchen zum Hemmschuh geworden. Nun gehen die Kaufleute unter in ihren Siegen – und machen den Weg frei! Für eine Kultur mit allen. Dank Print-Nirwana ins digitale Dorado. In Deutschland, wer hätte das gedacht?

Vielleicht Herr Gutenberg. Die Presse anwerfen, sich einloggen. Vielleicht Herr Luther – Gottes Wort verknappen? Nur die schrillen Gesetze, die bleiben, Roboter, die ohne Menschen weiter kämpfen, fördern lustige Pfade, sich zu begegnen, zu sprechen und zu verstehen – ein Untergrund als legitime Kultur. Vielleicht. (Auf Weltniveau siegen die Patente.)

Sterben hieß Glanz

Mund sprich
Hand nimm
Ohr hör
Aug zahl
das tadellose
Totenmal
dein Leib als Grab

Aufgeschnappt

Tomasz Konicz erklärt den Verschwörungsglauben. Franziksa Bomski untersucht die mathematische Seite der Literatur. Die taz montiert (hallo) Peter Lenks Penis wieder ab. Für Übersetzer, Lehrer, Forscher, Verlagskaufleute soll es ein Herta Müller-Netzwerk geben. Mitten in Europa gibt es Christenverfolgung, Kruzifixe werden aus Schulen entfernt, Christen dürfen ihre Meinung über Homosexualität kaum frei äußern – ich traue mich nicht, das zu verlinken. (Sowieso?) Der künftige EU-Ratspräsident, Herman Van Rompuy, ist wohl Lyriker. Der Mac ist ein Nichtraucher-Computer, was zur Apple-KircheApotheke auch passt. SuMuze hat mich mit ihren Gründen gegen das Bloggen überzeugt, ich blogge aber erst mal weiter, aus Bequemlichkeit, weil alles andere (Website umbauen etc.) sogleich Arbeit macht. Rupprecht Mayer hat ein neues Blog angefangen. Immer heiter: Elke Monssen-Engberding. Dass heute vor vielen Jahren Paul Celan geboren wurde, hilft seinem Werk wenig, gestorben ist er erst 1970. Und offline sah ich angeschmiert: Töte Goethe, Killer Schiller!

Aufbruch

Erzähle, Erzähler, was die Wörter erinnern
achtfach der Sonnenschein über dem Kessel
die rauschende, die definierende Wende

Übersetze, Übersetzerin, was die Welt redet
die atemberaubend wohlhabende Jugend
verlässlich getaufter elektrischer Bänder

Träume, Träumerin, was Tage versprechen
feurige Konjunktive entsteigen dem Kessel
fabelhaft sinnend freilich im Westwerk

Fahnen wehten zuvor, die kannten sich gut

Ahnen atmen ätzend aus

Kriech du je Talar
als ebnet im Strich
er her

Doch Lüge stinkt
Verse verduften

hü & hott


Kopf ist das Haupt,
König der Tiere.

Tribut verzollt

Ich gehe jetzt, in einer Woche
keine Träne, nicht so recht
am Wege stehen kann ich nicht

Am Ende jetzt ein erstes Mal
in liebe Tränen aufgelöst
gleichzeitig auseinander gehen

Gelassen habend

Gott selbst verloren? Sprache, die Krone der Menschen? Niemand hat vorher etwas dazu gesagt.
Elfriede Jelinek über die Ausweisung von Arigona Zoga.

*


Christoph Wendel und Patrick von Massow haben
In einem kühlen Grunde aufgenommen, nach der schönen Fassung der Comedian Harmonists.

*

Luise Pusch (Fußball vielleicht, menschliche Haare für Amerikannerinnen, Spielerinnen, die ihren Anhang vorzeigen) und Bov (Hotel: Leben. Bahnhof: Suizid) oder der Sprachbloggeur (Schwermut thematisieren, Robert schreiben, Galle gibt irgendwie Gelegenheit) widmeten sich Robert Enke, von dem ich erst hörte, als er schon tot war.

*

Man muss Glauben in die Obrigkeit investieren, damit sie nicht verblasst. Aufs Leben gerechnet kommt das teuer. Man muss auch Geld bezahlen, damit sie, wenn man wegdöst, einen wach schlägt.

*

Liebe? Nein, ach nie. Wollte leben, sah, dachte … Dein Kind lieben. Still geht die Spiegelstimme in den Tag. Hast doch einen Mund, ja ja. Angelika Demel erzählt weiter von Margrite und Phillippe.

*

Immer noch machen Leute neue Lyrikzeitschriften auf. Print only. Gedichtfriedhöfe sozusagen, eine Kultur des Verbergens gegen diesen Internetpop.

*

Gleich zu Beginn und am Ende heißt es, loslabern sei ein ‘ethischer Akt’, bemerkt Alexander Weil in einer Rezension von Rainald Goetz’s Loslabern (Sprache heißt Freiheit, Gedanken sind Buch. In den Herbst gerettet die Schilderung des Schreibens (so wenig sprechen). Theorie ist tot), was mir, wo ich, wie hier, das Schweigen für einen ästhetischen Akt halte, gleich einleuchtet.

*

Literatur ist Name dropping? Ach so.

Eine Wulst des Sessels drückt in meine Oberschenkel. Ich rutsche vor, zurück, verlagere mein Gewicht – sie bleibt. Ach, auf der Erbse! Es sind Falten in der Hose, die bewegen sich mit.

*

Erich Meier hat ein herbstliches Blumengebinde bei uns hinterlassen, was Franziska sehr freute.

*

Frau Holle hat nicht Recht, aber das Mädchen, das schüttelt und rausholt.

*

Das alles und noch viel mehr (warum notiere ich überhaupt irgendwas?), aber:Letzter Eintrag/gossip. (Blog hinaus! Jemand meinen! Darüber, dass einfach gerne Menschen meinem Internet – Spaß, Texte, Tag – hinein!) Wie belege ich jetzt, dass es die lebendigste Lyrik derzeit online gibt? Ich halte einfach den Mund. Ich bin müde, ich weine, ich versuche, meinen Rücken zu kratzen.

*

Ich zähle schon wieder bloß Wörter.

Lebenszeichen

Ich bin allein. Ich brauche keinen Namen. Ich weiß nichts, es ist alles Unfug. Ich habe keine Wünsche. Eben hatte ich noch welche, einen Platz für meine Schuhe, Sex, Sonnenschein, egal. Ich habe ein Kind, ich habe Kartons auszupacken, ich träume, in Säure zu baden. Ich wohne in gekalkten Räumen wie im Kuhstall. Ich bin ein alter Ochse. Ich habe mich vergessen, als ich neun Jahre alt war.

Ich glaube nicht an den Mond, aber ich bin mir sicher, dass ich noch nie ein wahres Wort gesprochen habe. Meine Jacke wärmt mal eben so, mein Gürtel reißt am dritten Tag, verlöre ich ein Bein, ich könnte mir keine Prothese leisten. Baute ich mir, zöge ich in den Wald, ein Klo? Ich würde keinen Winter überleben.

Ich bin mitten im Trubel. Die aufregendsten Zeiten seit 2.500 Jahren. Alle sollen ständig arbeiten. Viele wollen mitreden, könnten das, zumindest technisch. Atombomben löschen Menschen weg aus der Natur, da mag man gleich Kondome ficken. Man hat viel mit Blut gedüngt, aber die Wüste, das Sumpfland, was auch immer.

Ich warte auf die Kannibalen. Auf der Straße brüllt es nachts “Sieg Heil”; ich bin nur vier Kilometer weiter gezogen. Hunger, das fehlte jetzt noch! Ein Ofen wäre auch nicht schlecht. Zahnschmerzen und die in der Brust, das sind die lebendigsten Empfindungen. Ich könnte aus dem Fenster fallen. Ich putze Fenster, weil es getan werden muss.

Ich schreibe jetzt größer, um meine Handschrift wieder lesen zu können.

Erntedank Wörterliste 2

Apfel
arme
Beweise
Dateien
Dollar
Erklärung
essen
Euro
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frei
gefunden
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Krieg

Land
Lusttäter
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Gesund ist schön, geliebt ist gut, gewusst ist wahr.